Like

Zu Hause im Freien: Dinner in Weiß

Stellen Sie sich folgende Szenerie vor: Ein warmer Sommerabend in einer Großstadt, plötzlich füllt sich der Platz um Sie herum mit Dutzenden, mit Hunderten ganz in Weiß gekleideten Menschen, die Klapptische aufbauen, sie weiß eindecken, weißes Geschirr darauf  verteilen und sich anschließend daran niederlassen und gut gelaunt mit ihren Nachbarn plaudernd ein feines Drei-Gang-Menü verspeisen. Willkommen bei einem Weißen Dinner!

Aperitif

Was wie eine Szene aus einem Film anmutet, hat in vielen deutschen Städten Eventcharakter, zuletzt zum Beispiel im Juni in Hamburg oder Anfang Juli in Kampen. Das Konzept kommt – wie so viele wunderbare Dinge, die mit Genuss zu tun haben – aus Frankreich. Dort hatte 1988 François Pasquier zum Abendessen geladen, doch die Gäste sprengten den Platz in seinem Haus und so verlegte er die Veranstaltung kurzerhand in den nahen Bois de Boulogne, den Stadtwald der Pariser. Schon im nächsten Jahr versammelten sich mehrere Hundert Menschen zu einem sogenannten Dîner en blanc.

Schleierkraut in Töpfen mit Jutestoff

Hors d’Ouevre

Es geht um Lebensfreude und Gastfreundschaft, um gutes Essen und neue Bekanntschaften, doch die Weißen Dinner sind noch viel mehr. Sie sind Ausdruck einer Lebenshaltung geworden, wie sie die Dandys Anfang des 19. Jahrhundert pflegten, von Savoir vivre und Laissez faire. Es geht darum, den Moment zu zelebrieren und sich selbst in Szene zu setzen. Der ursprüngliche Gedanke ist recht anarchistisch, denn bei den ungewöhnlichen Abendessen handelt es sich keinesfalls um angemeldete Veranstaltungen, nein, eine Prise Rebellion würzt den ansonsten hochanständigen Event: Organisiert wird das ganze hauptsächlich über soziale Medien, die Teilnehmer werden erst ganz kurz vorher per Nachricht über den Veranstaltungsort informiert.

Sorbet

Damenbeine mit eine weißen Jeans und weißen Pumps

Zu einem Weißen Dinner zieht man sich weiß an, so viel ist klar. Doch der Anspruch ist, auch Geschirr und Tischtuch, Servietten und sogar die Speisen ganz in Weiß zu halten. Dazu kann sich der Novize inzwischen auf zahlreichen Internetseiten über Rezepte informieren, denn das Essen bringt man wie zu einem Picknick selbst mit: weißer Hummus oder Scholle auf Spargel, zum Dessert Champagnercrème. Zum Drei-Gang-Menü wird bevorzugt Champagner oder Wein (weißer, Sie haben es erraten!) gereicht, Bier und Schnaps sind verpönt, wie es auch sonst sehr manierlich zugeht. Zwar mag man sich rebellisch fühlen, einen beliebigen Platz in der Stadt einfach zu besetzen, doch die Etikette der Weißen Dinners verlangt: spätestens um Mitternacht ist Schluss und alles wird so verlassen, wie man es vorgefunden hat – Müll entsorgt man stilecht in weißen Beuteln.

 

Plat principal

Inzwischen berichten alle namhaften Zeitungen von den Weißen Dinner, die es in großen und kleinen Städten auf dem ganzen Erdball gibt. Das Pariser Original findet weiterhin jährlich statt, an so weltberühmten Plätzen wie dem Place Vendôme, im Schloss Versailles und auf den Champs Elysées. Zum 25. Jubiläum nahmen sage und schreibe 11.000 Menschen daran teil und verwandelten den Platz vor dem Louvre und den Trocadero in ein wogendes weißes Spektakel. Im Gegenteil zu den viel gelösteren, kleineren Zusammenkünften überall auf der Welt geht es in Paris nach strengem Zeremoniell zu. Von den Maßen des (Klapp)Tischs bis zur Sitzordnung an den Tischen, vom synchronen Aufbau bis zu perfekten Symmetrie hat sich die spontane Zusammenkunft einiger Genussfreudiger zu einem Riesenevent entwickelt. Teilnehmen darf dort nur, wer von einem „Eingeweihten“ eingeladen wird und eine Gebühr bezahlt – dennoch hat die Warteliste mehrere tausend Plätze. Natürlich sind findige Unternehmer schon bald aufgesprungen und so gibt es zahlreiche organisierte Events, bei denen Eintritt bezahlt und ein Catering gereicht wird.

Dessert

Zwei Damen stoßen mit Weißwein an

Wenn Sie nun Lust bekommen haben, auch einmal an solch einem außergewöhnlichen Abend teilzunehmen, keine Sorge, so elitär wie in Paris muss es gar nicht sein. Unter der folgenden Website zum Beispiel finden sie viele Termine für zwanglose Zusammenkünfte in ganz Deutschland: https://www.whitedinner.eu/. Vielleicht ist Ihnen ja auch ein Dinner am Strand oder vor historischer Kulisse lieber als mitten in der Stadt. Oder Sie melden gleich selbst ein eigenes Dinner an. Wie auch immer, neben dem Essen geht es dabei natürlich um die stilechte Kleidung. Zum Glück suchen sich die Veranstalter meistens warme Sommerabende aus, so dass gerade Ihnen als Dame ausreichend Spielraum bleibt. Und auf leicht gebräunter Haut wirken strahlend weiße Sachen besonders gut, also schwelgen Sie in luftig-leichten Sommerstoffen: ob eine kurzärmelige Crêpe-Bluse zum weit schwingenden Rock oder ein elegantes Sommerkleid, ob schlichte Capri-Hosen und ein schimmerndes Top – festlich darf es sein, sogar Hut trägt frau zu dieser Gelegenheit. Gut beraten sind Sie mit einem Paar Wechselschuhe, denn im Zweifelsfall müssen Sie Ihr eigenes kleines Restaurant ein Stück weit tragen.

Speisen Sie wie Gott in Frankreich – wir wünschen Ihnen viel Spaß!